
Ein Projekt der Universität Innsbruck
Zwangssterilisation und „NS-Euthanasie“ in Tirol, Südtirol und Vorarlberg
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das „Dritte Reich“ setzten die Nationalsozialisten die Gesetze gegen körperlich und geistig Behinderte auch in Österreich um. Für den „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“ waren so genannte Erbgesundheitsgerichte in Innsbruck und Feldkirch zuständig. Die Ärzte und das Pflegepersonal mussten körperlich und geistig Behinderte diesen Ämtern melden. Überdurchschnittlich viele Anzeigen kamen von Befürwortern der nationalsozialistischen Herrschaft, die in den Landkreisen Kufstein, Schwaz und Bregenz lebten.
Bis 1945 meldeten die Anhänger des Nationalsozialismus den zuständigen Ämtern mindestens 3.000 Menschen (Tiroler/innen, Vorarlberger/innen und Südtiroler/innen, die sich in Tirol und Vorarlberg aufhielten) wegen einer angeblich vererbbaren Krankheit. Die Angezeigten wurden entweder in eine Heil- und Pflegeanstalt gebracht oder gegen ihren Willen zeugungsunfähig gemacht. Zwischen 1940 und 1942 sterilisierten die Nationalsozialisten im „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“ insgesamt 238 angezeigte Personen – davon 126 Männer und 112 Frauen. Im Zeitraum von 1940 bis 1945 wurden mindestens 400 Zwangssterilisationen in Tirol und Vorarlberg durchgeführt. In Tirol wurde sogar ein Mann, der ein völlig gesundes Kind gezeugt hat, gegen seinen Willen sterilisiert. Manche Personen stimmten der Sterilisation freiwillig zu, um der Einweisung in eine Anstalt und damit dem sicheren Tod zu entkommen.
Im „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“ befanden sich zwei große Heil- und Pflegeanstalten (Hall in Tirol und Valduna) und eine Reihe kleiner Alters- und Pflegeheime (St. Josefsinstitut in Mils, Mariathal bei Kramsach und andere). Alle Heime bekamen im Oktober 1939 den Auftrag Meldebögen über ihre Pfleglinge anzulegen und diese nach Berlin zu senden. Dort entschieden nationalsozialistische Machthaber und Ärzte über das Schicksal der Insassen der Heil- und Pflegeanstalten. Viele der Personen, die sich in solchen Anstalten in Tirol und Vorarlberg befanden, wurden ohne Kenntnis ihrer Angehörigen nach Hartheim in Oberösterreich transportiert und dort getötet. Geplant war auch der Bau einer Tötungsanstalt in Hall.
Der erste Transport von Hall nach Hartheim erfolgte am 10. Dezember 1940. An diesem Tag transportierten die Helfer der nationalsozialistischen Ärzte 179 Patienten ab. Weitere 307 Pfleglinge folgten ihnen aus den Anstalten von Hall, Mils und Kramsach. Der letzte Transport aus Tirol nach Hartheim ging am 31. August 1942 ab – ein Jahr nach dem offiziellen Verbot der „NS-Euthanasie“. Insgesamt wurden mindestens 706 Personen aus dem „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“ verschleppt. Es ist nicht bekannt wie viele von ihnen überlebt haben.
Die Tötungsanstalt in Hartheim blieb bis Dezember 1944 in Betrieb. Hier wurden im Zuge der Aktion-14f13 mindestens 8.000 nichtleistungsfähige Häftlinge aus den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen getötet. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten in Hartheim etwa 15.000 bis 18.000 Menschen. Nach dem Krieg mussten sich auch die Tiroler Ärzte für ihre Taten verantworten. Verurteilt wurde jedoch nur Dr. Hans Czermak (Leiter des „Amtes für Volkspflege“ im „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“).
Widerstand
Gegen die Tötung geistig und körperlich Behinderter protestierten Ärzte, Angehörige und Betreuer, doch die Patienten, die auf den Transportslisten standen, durften nicht aus der Anstalt entlassen werden. Am stärksten war der Widerstand von kirchlicher Seite. Im „Reichsgau Tirol-Vorarlberg“ verbot der Apostolische Administrator von Innsbruck-Feldkirch, Paul Rusch, die Durchführung von Zwangssterilisationen in allen Anstalten, die von Ordensangehörigen geführt wurden. Öffentlicher Widerstand aus den Reihen des Pflegepersonals gegen die „NS-Euthanasie“ in Österreich ist bis auf die Schwester Anna Bertha von Königsegg (1883-1948) nicht bekannt. Sie verbot ihren Mitschwestern sich an Zwangssterilisationen und „NS-Euthanasie“ zu beteiligen.
Literatur:
- Egger, Gernot, Ausgrenzen - Erfassen - Vernichten. Arme und "Irre"
in Vorarlberg, (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, 7), Bregenz
1990.
- Halper-Zenz, Juliane, Vom Umgang mit Armen, Irren und Behinderten in Tirol.
Vom Ausschluss zur Disziplinierung (Diplomarbeit) Innsbruck 1997.
- Hinterhuber, Hartmann, Ermordet und vergessen. Nationalsozialistische Verbrechen
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Ders., Die „Ausmerze Erbkranker“, eine „bevölkerungspolitische Maßnahme“, Nationalsozialistische Verbrechen an psychisch Kranken und Behinderten aus Nord- und Südtirol, in: Pitscheider, Sabine/ - Steininger, Rolf (Hrsg.), Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit (Innsbrucker
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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Widerstand
und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation. Bd. 1. Wien – München
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- Köckeis, Bettina, Minderwertig, unbrauchbar, unnütz. Ideologische
Hintergründe, vorbereitende Maßnahmen und Durchführung der Euthanasie
in Österreich 1939-1945, (Diplomarbeit), Wien 1996.
- Lechner, Stefan, „Deshalb bitte ich, (…) mir dieses Unglück nicht anzutun“, NS-Zwangssterilisationen, in: Pitscheider, Sabine/Steininger, Rolf (Hrsg.), Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit (Innsbrucker Studien zur Zeitgeschichte 19), Innsbruck-Wien-München 2002, S. 231-249.